Edwin Fischer · 1886–1960

Pianist, Dirigent und Legende der Klavierpädagogik

Edwin Fischer zählt zu den einflussreichsten Musikerpersönlichkeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als genialer Interpret der Werke von Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert prägte er das musikalische Verständnis von Generationen. Zugleich setzte er als Dirigent, Kammermusiker und Mitbegründer der modernen Meisterkurs-Tradition Maßstäbe, die bis in die Gegenwart fortwirken.

Wollen, ohne Wollen wollen, und tun, ohne tun wollen. Edwin Fischer
Edwin Fischer am Flügel

Jugend und Ausbildung in Basel und Berlin

Edwin Fischer wuchs in Basel auf und erhielt dort seinen ersten musikalischen Unterricht am Basler Konservatorium, unter anderem bei Hans Huber. Im Jahr 1904 übersiedelte der 18-Jährige nach Berlin, dem damaligen Zentrum der europäischen Musikwelt.

Am renommierten Stern’schen Konservatorium wurde er Schüler von Martin Krause, welcher seinerseits ein direkter Schüler von Franz Liszt war. Fischer stand damit in direkter Nachfolge der großen romantischen Klaviertradition. Sein außergewöhnliches Talent führte dazu, dass er bereits wenige Jahre nach Beendigung seines Studiums selbst als Dozent am Stern’schen Konservatorium verpflichtet wurde.

Die Potsdamer Sommerkurse: wegweisende Pädagogik

Potsdam · ab 1914

Ein zentraler Meilenstein in Fischers pädagogischer Laufbahn begann im Jahr 1914: Er übernahm die Leitung der neu eingerichteten Sommerkurse am Musikinstitut für Ausländer in Potsdam. Dort entwickelte Fischer eine völlig neuartige Form des Gruppenunterrichts und der musikalischen Interpretation.

Musikalische Symbiose
Junge Pianistinnen und Pianisten aus der ganzen Welt kamen zusammen, um nicht nur technische Fertigkeiten zu perfektionieren, sondern den tiefen geistigen Gehalt der Musik zu erforschen.
Ganzheitlicher Ansatz
Fischer verstand die Interpretation als Dienen am Werk. Er förderte die Individualität der Studierenden und lehrte sie, die Partitur als lebendigen Organismus zu begreifen.
Internationale Strahlkraft
Die Sommerkurse in Potsdam bildeten das Fundament für seinen weltweiten Ruf als einer der herausragendsten Klavierpädagogen seiner Epoche.

Der Virtuose, Dirigent und Kammermusiker

Edwin Fischer bei der Arbeit am Klavier
Edwin FischerAm Flügel

In den 1920er und 1930er Jahren etablierte sich Edwin Fischer als einer der gefragtesten Solisten Europas.

Pionier der historischen Aufführungspraxis

1931 wurde Fischer als Nachfolger von Ferruccio Busoni an die Berliner Musikhochschule berufen. Im selben Zeitraum gründete er sein eigenes Kammerorchester. Damit leitete er eine Renaissance der Musik des 18. Jahrhunderts ein: Er dirigierte Barock- und Klassikkonzerte, insbesondere von Bach und Mozart, direkt vom Flügel aus – eine Praxis, die damals ungewöhnlich war und heute als Vorläufer der historischen Aufführungspraxis gilt.

Kammermusik und Freundschaften

Neben seiner Solokarriere war Fischer ein leidenschaftlicher Kammermusiker und Liedbegleiter.

Das berühmte Klaviertrio

Zusammen mit dem Violinisten Georg Kulenkampff, nach dessen Tod mit Wolfgang Schneiderhan, und dem Cellisten Enrico Mainardi bildete er eines der herausragendsten Trios der Musikgeschichte.

Wilhelm Furtwängler

Eine tiefe künstlerische und persönliche Freundschaft verband ihn mit dem Dirigenten und Komponisten. Fischer spielte 1937 den Solopart bei der Uraufführung von Furtwänglers monumental angelegtem Klavierkonzert in h-Moll.

Schallplatten-Pionier und die Partnerschaft mit C. Bechstein

Welte-Mignon · 1923

Fischer spielte zwölf Stücke für das Welte-Mignon-Reproduktionsklavier ein, die die Dynamik und Nuancen seines Spiels auf Papierrollen dokumentierten.

Das Wohltemperierte Klavier · 1933–1936

In den Abbey Road Studios in London nahm Fischer für His Master’s Voice (EMI) als erster Pianist der Geschichte alle 48 Präludien und Fugen von J. S. Bachs Wohltemperiertem Klavier auf.

Der Bechstein-Klang

Sämtliche Aufnahmen dieser Epoche spielte er auf einem Bechstein-Konzertflügel ein. Seine Aufnahmen gelten bis heute als Meilensteine der Diskografie.

Hände Edwin Fischers am Klavier
Edwin FischerAm Instrument

Die Jahre des Zweiten Weltkriegs und Humanismus

Während der Jahre der NS-Diktatur verblieb Fischer zunächst in Berlin. Seine Haltung war von der Hingabe an die deutsche Klassik geprägt. Gleichzeitig zeigte er Zivilcourage und Mitgefühl: Er beteiligte sich aktiv an der Rettung und Versteckung des jüdischen Musikers Konrad Latte.

Nachdem sein Berliner Wohnhaus 1942 durch Bombenangriffe zerstört worden war, kehrte Fischer in seine Heimat Schweiz zurück und ließ sich in Hertenstein bei Weggis nieder.

Nicht ich spiele, es spielt.

Edwin Fischer

Das Spätwerk: Meisterklassen in Luzern und Schülerkreis

Nach 1945 wurde Luzern zum neuen Mittelpunkt seines pädagogischen Wirkens.

Interpretationskurse
1945–1958

Bei den Internationalen Musikfestwochen Luzern richtete Fischer Meisterklassen ein. Junge Begabungen aus aller Welt reisten an, um von seiner Erfahrung zu profitieren.

Bedeutende Schüler

Zu seinen berühmtesten Schülern und Teilnehmern an seinen Unterweisungen zählen Größen des 20. Jahrhunderts wie Alfred Brendel, Paul Badura-Skoda, Jörg Demus sowie in jüngeren Jahren auch Daniel Barenboim.

Publikationen

Fischer verfasste analytische Essays und Schriften, darunter seine „Musikalischen Betrachtungen“ (1949), Studien zu den Beethoven-Sonaten sowie kritische Neuausgaben der Klavierwerke J. S. Bachs.

Edwin Fischer entstammte geistig einer Epoche, in der die Demut vor dem Kunstwerk an erster Stelle stand. Seine berühmteste Prämisse bringt diese Geisteshaltung auf den Punkt.

Am 24. Januar 1960 verstarb Edwin Fischer im Alter von 73 Jahren in Zürich. Seine Urne ruht auf dem Friedhof Friedental in Luzern.

Lebensdaten und Stationen

1886–1960
1886
Geboren am 6. Oktober in Basel.
1904
Übersiedlung nach Berlin, Studium bei Martin Krause am Stern’schen Konservatorium.
1914
Beginn der Leitung der legendären Sommerkurse in Potsdam.
1919
Hochzeit mit Eleonora von Mendelssohn; Scheidung 1925.
1931
Ruf an die Berliner Musikhochschule als Nachfolger Busonis und Gründung des Kammerorchesters.
1933–1936
Ersteinspielung des gesamten Wohltemperierten Klaviers von J. S. Bach auf Bechstein.
1937
Solist bei der Uraufführung von Furtwänglers Klavierkonzert.
1942
Zerstörung des Hauses in Berlin, Rückkehr in die Schweiz nach Weggis/Hertenstein.
1945–1958
Meisterklassen und Interpretationskurse am Konservatorium Luzern.
1960
Gestorben am 24. Januar in Zürich.